Tag 4 - Strömsund bis Bodø - I'm only happy when it rains

Mutter Natur hasst uns! Als raue Rebellen, die wir nun mal sind, beschließen wir, ihr die kalte Schulter zu zeigen und machen in passiv-aggressiver Weise den Regen zu unserem neuen Maskottchen.

Ablenkung bringt das Handy - der Baltic Sea Circle verfügt über eigenen WhatsApp-Chat mit 250 Teilnehmern. Seitdem ich ein Teil dieser Gruppe bin, weiß ich, wie man Chats stumm stellt und dass man das automatische Speichern von Bilddateien auf Telefonen unterbinden kann (und sollte!).
Ausgewählte Auszüge des Chatinhalts:
- Bilder von Frühstück/Mittagessen/Kaffee/gefangenen (aber nicht verzehrten) Fischen
- Bilder anderer Teamfahrzeuge, die beim Überholen fotografiert werden
- Bilder der abendlichen Campingstellplätze
- Fragen nach „Wo ist Toni?“ (der Vespa-Fahrer, der es trotz Abstand von teilweise 300 km zum statistischen Mittelpunkt der BSC-Invasion am Abend auf die Fähre zu den Lofoten schaffen wird)
- Beschwerden über die (nur sporadisch funktionierende) Tracking-App des Veranstalters.

Foto 17.06.18, 16 15 25.png

Der wirklich sinnvolle Nutzen der Möglichkeit, gleichzeitig mit hunderten anderer Menschen zu kommunizieren, geht zwischen all diesen Posts fast verloren: Ersatzteile für diverse Autos werden angefragt und zugesichert, Reparaturtipps gegeben und sogar Mitfahrerplätze vergeben.
Am vierten Tag haben bereits drei Fahrzeuge den Geist aufgegeben - eines davon bereits am ersten Tag bei einem Zusammenstoß mit einem Campingmobil. Keine Verletzten, aber Totalschaden des Rallyeautos. Ein weiteres hatte einen Auffahrunfall - zwei der vier Teammitglieder befinden sich aktuell wieder in Deutschland, die zwei verbliebenen nutzen die Möglichkeit, bei anderen Teams untergekommen zu sein, um den Baltic Sea Circle ohne Automobil, aber immerhin persönlich zu beenden. Der dritte Ausfall hat auch den ersten Todesfall der Rallye zu beklagen: bei einem Zusammenstoß mit einem Elch kostete es dem Tier das Leben und dem Auto die Windschutzscheibe. Keine menschlichen Verletzungen außer Schock. Der Scherz des "King of Roadkill" (eine eigens auszufüllende Leerzeile bei der täglichen Zusammenfassung im RoadBook) erscheint uns als zu früh, muss aber trotzdem gemacht werden.

Foto 19.06.18, 11 35 51.jpg

Während auf der Unfallstraße die Elchdichte anscheinend so hoch ist, dass diese vor lauter Raumnot sogar vor Autos laufen, bekommen wir Schwedens Wahrzeichen (dicht gefolgt von Michel aus Löneberga und Köttbullar) nicht zu Gesicht. Einzig eine Rentier-Herde erbarmt sich unser und grast gemächlich neben der Landstraße. Ein wenig genervt, dass sie dies klischeebeladenerweise ausgerechnet in Lappland tun müssen, schieße ich trotzdem ein paar Fotos der possierlichen Weihnachts-Metaphern auf vier Beinen.

_N1A2320.jpg

Kurz danach überqueren wir die norwegische Grenze - die Landschaft wird karger, felsiger und ich mit jedem Meter glücklicher (sollte das etwas über mich als Person aussagen, bitte ich darum, mir das Ergebnis nicht mitzuteilen).
Einige Zeit später dann stehen wir am Polarkreis und haken das obligatorisch-touristische Foto an der Polarkreis-Statue neben dem Polarkreis-Shop mit Polarkreis-Kleidung ab. Die Soft-Shell-Jacke hält, der Bart wärmt das Gesicht und mit einem zufriedenen Fridtjof Nansen-Gefühl (und nur leicht schlechtem Gewissen gegenüber dem Motorradteam, welches wir eben beim Kaffee getroffen haben) drücken wir auf den Knopf der Sitzheizung. Zwei mal - für die höchste Stufe des Glücks.

_N1A2357.jpg
_N1A2362.jpg

Im WhatsApp-Chat verschwinden nach und nach die Bilder der im Auto geöffneten Sürströmming-Dosen (ein norwegischer Gammelfisch, dessen Wirkung in etwa diese ist:

Im berühmten BSC-Sürströmming-Drive muss die geöffnete Dose 200 km im Auto transportiert werden, um die Tagesaufgabe zu erfüllen. Wir verschenken die zehn Punkte zugunsten des Erhaltes sämtlichen Mageninhaltes und der guten Laune des Tages.


Neueste Meldung stattdessen ist die Durchsage, dass Bodø, der Ort des Fähranlegers aufgrund der BSC-Invasion keinerlei freie Campingmöglichkeiten mehr besitzt und das örtliche Hotel den Konferenzraum bereits zum Schlafsaal umfunktioniert hat. Wir buchen die letzte mögliche AirBnB-Unterkunft und tauschen dort erfolgreich unseren Cocktail-Stab gegen handgemachte Mini-Handschuhe der Gastgeberin. Der hohe emotionale Wert dieser Seltenheit sollte uns beim nächsten Tauschgeschäft in Finnland weit voranbringen.

Foto 20.06.18, 00 46 14.jpg

Zum ersten Mal erleben wir einen Polartag, an dem die Sonne nicht untergeht. So sitzen wir um 00:45 Uhr im hellen, haben jegliches Zeitgefühl verloren und nur das Abschlussbier des Abends läutet die nötige Bettschwere ein.

Gefahrene Kilometer: 697
Reisezeit: 11 Stunden
Höhe der Sonne bei Polartagen: etwa 23,5° über dem Horizont

 

 

Dennis Wilhelmsbodø