Tag 8 - Karigasniemi bis Rovaniemi - Do they know it's NOT Christmas?

Viel Stress ist von uns abgefallen - wir haben alle wichtigen Etappenziele erreicht und liegen sogar leicht vor der vorgeschlagenen Strecke des Roadbooks. Der Superlative Adventure Club als Veranstalter schlägt zwei verschiedene Routen vor: entweder in Finnland bleiben oder über die russische Grenze und direkt nach Estland zur zweiten Party am 27. Juni fahren. Sebastian und ich haben kein Visum für Russland, was uns nicht nur die kürzere Route, sondern auch die besser ausgebauten finnischen Straßen beschert.

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Trotzdem entscheiden wir uns heute dazu, den langen Weg in die unbekannte Stadt Rovaniemi anzutreten und damit unseren Vorsprung weiter auszubauen, um mehr Zeit in Helsinki oder Tallinn zu gewinnen.

Die T3-Piloten Ilona und Titus haben sich für Russland entschieden und so verabschieden wir uns morgens bis zur Party in Tallinn. Lange soll der Abschied nicht vorhalten, bei einer Kaffeepause rollen die beiden hinter uns auf den Parkplatz. Gemeinsam besichtigen wir eine Bärenhöhle, bevor die geplante Abfahrt wieder verzögert wird - der T3 verliert Wasser, was Titus dank Schraubererfahrung (und dem großartigen Buch „So wird’s gemacht“) schnell auf den Heizungskreislauf zurückführen kann. Keine wilde Sache, mit einem Rohr ist das zu überbrücken, versichert er uns.

Also verabschieden wir uns erneut und drücken die Daumen, dass am heutigen Feiertag ein Stahlrohrfachgeschäft offen hat. Später erhalten wir eine Nachricht, dass alles reibungslos lief, beide gut nach Russland gekommen und die Straßen ein wahrer Albtraum sind. Das ist die letzte Nachricht, die wir für einige Tage erhalten werden (Datenvolumen in Russland soll für umgerechnet 2 Euro pro Megabyte gehandelt werden).

Obwohl wir wissen, dass wir die Aufgabe des Tages nicht erfüllen werden, fahren wir das berühmte Santa-Dorf am Polarkreis an, den wir heute wieder nach Süden überqueren. Allerlei skurriles erwartet uns: vom obligatorischen Giftshop, der mit jeder erdenkbaren Weihnachtsrequisite vollgestopt ist, gibt es gleich mehrere Weihnachtsmänner, die für Fotoshootings zur Verfügung stehen und damit das Herz von Kindern erfreuen und die Geldbörse von Eltern entleeren sollen. Auf dem Weg zu Santa gibt es auch noch die Geschichte von Weihnachten zu sehen, die ziemlich gruselig anmutet. Santas Helfer waren vor ihrer Verniedlichung zu Elfen, wahre Albtraumgestalten mit Ziegenmasken und Gehörn. Ich erhasche ein unbeobachtetes Foto des modernen Weihnachtsmannes.

Ein anderes Team will die heutige Aufgabe mitnehmen und versucht, eine finnische Elfenkassiererin zu überreden, entweder vor ihrem Auto zu posieren oder dem Team passende Elfenkostüme samt Weihnachtsdeko zu leihen. Damit wollen sie Ihr Auto schmücken und sich anschließend als Elfen vor dem Weihnachtsschlitten ablichten lassen. Fürst Rostfrei möchte keinen weiteren seinem seinem bereits vorhandenen Stern hinzufügen und wir machen als Elfen keine wirklich so gute Figur wie besagte Kassiererin, die uns für die Reise alles Gute wünscht.

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Was uns beim Weihnachtsdorf bereits auffällt, soll sich in Romaniemi bewahrheiten: alles ist wie ausgestorben. Zwar war das Weihnachtsdorf geöffnet, aber die ebenfalls umliegenden Attraktionen Restaurant „Drei Elfen“, Santas Schneemobile, Santas Vergnügungspark, Elfenspielplatz und die Weihnachtspost-Außenstelle waren alle geschlossen. Zum Vergleich: Selbst IKEA hat an Weihnachten offen, während heute alle Türen zu Duftkerzen und Billy-Regalen geschlossen bleiben. Midsommar ist der höchste Feiertag.
Folgerichtig präsentiert sich auch die Stadt Rovaniemi - immerhin die flächengrößte Stadt Europas - wie nach der Zombie-Apokalypse: menschenleer und nur einige wenige Gestalten (Touristen wie wir) wanken auf den Straßen.
An der Rezeption unseres Gästehauses ernten wir nur ein müdes Lächeln als wir nach Ausgehtipps fragen.
Statt dem vorgeschlagenen Irish Pub oder unserer Vorstellung von typisch finnischem Essen gibt es Pizza aus der lokalen Pizzakette (die wir mitnehmen müssen, weil sie zwei Stunden vor den regulären Zeiten schließen wollen). Wir verspeisen diese während der ersten 30 Minuten des Spiels Deutschland-Schweden, bevor wir auch den Gemeinschaftsraum des Gästehauses verlassen müssen, weil dieser abgeschlossen wird.

Die plötzliche Zivilisation nach Tagen skandinavischer Weiten wirkt beklemmend, da helfen auch die leeren Straßen nicht. In Rovaniemi sehen wir auch zum ersten Mal kein anderes Team am Abend - die meisten befinden sich schon in Russland und können spannendes berichten: In Murmansk gab es einen Verkehrsfunfall, der das beteiligte Team zwang, 2,5 Stunden auf die Polizei zu warten, bevor sie zu einem Dolmetscher auf das Polizeipräsidium gefahren wurden. Nach acht Stunden Verzögerung gab es einen Wodka mit dem Polizeichef und ein Blaulicht im Tausch gegen Anti-Mücken-Kerzen!


gefahrene Kilometer: 435
Reisezeit: 9,5 Stunden
Vorereitung auf die wahre Zombie-Apokalypse: http://himate.de/81/bist-du-bereit-fur-die-zombie-apokalypse

Dennis Wilhelms