Tag 9 - Rovaniemi bis Koli - blutige Spuren in Finnland

„Geradeaus“ ist ein wichtiges Merkmal für finnische Straßen. Schier endlos zieht sich die Straße 78 durch die grüne Landschaft. Oberhalb sehen wir einen Farbton, den wir fast vergessen hatten: tiefes blau! Später sogar wolkenlos! Die regnerischen Tage scheinen vorbei… Die ein oder andere Warnung vor kreuzenden Elchen stimmt mich immer noch mürrisch. Auch hier werde ich keinen zu Gesicht bekommen, während die „russischen“ Teams erste Bärensichtungen vermelden.

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An Begegnungen mit Tieren soll es trotzdem nicht mangeln. Um die Rallye möglichst eindrucksvoll zu dokumentieren, läuft seit mehreren Tagen eine GoPro auf unserer Konsole. Da wirken gerade Straßen natürlich langweilig, also suchen wir uns einen passenden Waldweg, der direkt von der Schnellstraße auf einen See zuläuft. Das wird spätere Zuschauer sicher beeindrucken!
In der Tat endet unsere Zeitraffer-Aufnahme direkt vor einem malerischen See, von dem ich auch noch ein paar Fotoaufnahmen machen will. Es dauert nicht lange, und das Mückenkampfgeschwader der finnischen Luftwaffe beginnt ihren Angriff. Gefühlt zwanzig der Mini-Vampire lassen sich auf meinem Arm nieder, während ich Usain Bolts Zeiten in Richtung Fahrzeug zu schlagen gedenke. Mit mir steigt etwa ein Dutzend Mücken ein und Sebastian und ich verbringen etliche Minuten mit Abwehrfeuer gegen die Fliegerstafel: Im Ergebnis sind unsere Straßenkarten blutverschmiert und die Windschutzscheibe jetzt auch innen von Insekten-Road-Kill gespickt! Wir setzen den taktischen Rückzug per Fahrzeug fort, während ganze Schwärme um unser Auto kreisen.

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Szenarien für diverse insekten-basierte Horrorfilme geistern in unseren Köpfen, als wir leere Gehöfte passieren. Der Gedanke an Camping heute Abend mutet nicht mehr in der gleichen Romantik an, wie er dies heute Morgen tat.

Ein Zwischenstopp in Oulo zeigt einen großen Unterscheid zu Rovaniemi: war letzteres stark baufällig, trist und (dem Feiertag geschuldet) menschenleer zeigt sich die kleinere Stadt Oulo von ihrer besten Seite: moderne Bauten stehen neben restaurierten historischen Gebäuden und die Straßen sind voller Leben. Sicher sorgt auch das gute Wetter für einen subjektiv besseren Eindruck bei uns. Trotzdem: auch aufgrund des gestrigen Musikfestivals angesichts des Feiertages nagen Gewissensbisse, nicht gestern schon die zusätzliche Strecke gemacht zu haben. Dann gäbe es aber obigen Absatz über die Mücken nicht und wir hätten eine selbst-ironische Geschichte weniger im Gepäck. Also doch die richtige Entscheidung…

Als Ziel des Tages wählen wir den im RoadBook empfohlenen Nationalpark Koli nahe der russischen Grenze im Osten Finnlands. Dort kann man auf eine 300 Meter Anhöhe und dort direkt auf ein Plateau fahren, von dem aus man die eindrucksvolle Landschaft des Nationalparks überblicken kann. Mutete Finnland bisher gegenüber den Lofoten als schlicht (und stellenweise sogar langweilig) an, werden wir hier eines besseren belehrt: der große See wird in magisches Abendlicht gehüllt und allein das Plateau mit seinen von Felsen durchzogenen Wäldern ist ein Erlebnis!

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Wir fragen im auf der Anhöhe liegenden Hotel nach, ob sie uns einen Tipp für Wildcamping geben können, was die Rezeptionistin fachkundig und bereitwillig erledigt. Auf die Frage, ob sich spendenverdienende Rallyefahrer eines der Zimmer günstiger erhaschen könnten, meint sie nur, dass wir uns das nicht leisten können - einen Preis nennt sie nicht. Zum ersten Mal prüfe ich meine Erscheinung näher im Spiegel - die letzte Rasur gab es in Schweden und über den heutigen Spüldienst habe ich vergessen, mir eine Frisur zurechtzulegen!

So wird es eben doch wieder Wildcamping am See, wo sich später Simone und André von Team HeartBeat zu uns gesellen. Aufgrund Simones angeborenen Herzfehlers ergibt sich sofort eine Gemeinsamkeit zu unserem kinderherzen-Projekt und wir verbringen den Abend schnackend in unseren Campingstühlen (und in Gesellschaft von Stichmücken im vierstelligen Bereich) mit Blick auf den See. Ein Sonnenuntergang ist uns trotz Überqueren des Polarkreises (noch) nicht beschert…

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Gefahrene Kilometer: 638
Reisezeit: 11 Stunden
Geschwindigkeit einer durchschnittlichen Stechmücke: 1,5 bis 2,5 km/h
Höchstgeschwindigkeit Usain Bolts: 44,72 km/h

Dennis Wilhelms