Tag 11 - Helsinki bis Tallinn -

Die Parkgebühr von 6 Euro pro Stunde Parken in der Innenstadt von Helsinki schränkt das touristische Sightseeing-Vergnügen erheblich ein! Google Maps verrät uns, dass es einen Parkplatz direkt am Fähranleger nach Tallinn geben könnte, der aufgrund der größeren Entfernung zur Innenstadt hoffentlich günstiger sein wird. Es gibt ihn, aber er ist es nicht. Trotzdem stellen wir unser Auto für großzügige 13 Euro für drei Stunden ab (ab Stunde drei wird es in der Tat „günstig“).

DennisWilhelms_BSC-3485.jpg

Wir nehmen uns die Zeit in Helsinki, um in Ruhe einen Kaffee zu trinken, ein Fotobuch mit einer Reportage über Russland zu ergattern (so haben wir die Verbindung nach Russland doch noch irgendwie hinbekomme) und die Markthalle von 1890 zu besuchen. Letzter erweist sich als Volltreffer, da wir zum einen kulinarisch voll auf unsere Kosten kommen, zum anderen unsere selbst gestrickten norwegischen Puppenhandschuhe gegen ein finnisches Taschenbuch tauschen. Dass die ehemalige Besitzerin des Buches - eine Angestellte eines Standes mit handgefertigten Andenken an die Stadt - uns vermutlich ihre aktuelle Lektüre geschenkt hat (die umgeknickte Seite als Lesezeichen befand sich noch im ersten Viertel des Buches), bereitet uns für wenige Minuten ein schlechtes Gewissen…

Bereits 45 Minuten vor Abfahrt sind wir wieder am Fähranleger. Irritiert, dass die Auto-Schleusen zum Hafen nicht geöffnet sind, fragen wir im Fährbüro nach - nein, die geplante Fähre um 13:30 Uhr wird nicht durch die Viking Lines Fährgesellschaft bedient. Ja, es gibt einen zweiten Fähranleger auf der anderen Seite der Stadt.
Noch 35 Minuten - wir versuchen unser Glück!
Noch 30 Minuten - wir entscheiden uns gegen einen illegalen U-Turn vor dem Präsidentenpalast, um Sauli Niinistö nicht unnötig zu beunruhigen.
Noch 28 Minuten - 10 Meter gegen eine Einbahnstraße zu fahren erscheint uns akzeptabel. Wir verbuchen die seltsamen Blicke der Helsinkier unter Völkerverständigung.
Noch 25 Minuten - ist die Tatsache, dass gefühlt alle fünf Meter ein Fußgängerüberweg existiert reine Schikane?
Noch 20 Minuten - wir erreichen den Fähranleger!

Unser Schiff - die MS Star - ist noch auf der Tafel angeschlagen. Mit breitem Grinsen stellen wir uns vor die passende Schranke. Das Grinsen verschwindet, als uns ein be-warnwesteter Mitarbeiter der Fährgesellschaft verrät, dass wir vor 20 Minuten hätten vor Ort sein müssen, um auf die Fähre zu gelangen. Hinter seiner linken Schulter verlässt die MS Star den Hafen von Helsinki, während eine Frau des Tourismusbüros uns anspricht, ob wir mit unserem Besuch in Finnland zufrieden waren.

Die nächste Fähre ist für 15:15 Uhr angekündigt, Tickets gibt es für deutlich weniger Geld als befürchtet, weil der Mercedes inkl. Dachbox die günstige Höhe von 1,90 Meter nicht überschreitet. Ein kleiner Sieg für das Team Espressonisten.

An Bord versuchen ein Countrysänger und ein Magier unglaublich erfolglos, das Publikum für sich zu gewinnen. Wesentlich größeren Zuspruch findet der Alkohol, der auf dem estnisch betriebenen Schiff um einiges günstiger ist als in Skandinavien.

Trotz Verspätung der Fähre haben wir unseren herausgefahrenen finnischen Vorsprung noch immer in der Hinterhand. Nach kurzer Diskussion bauen wir diesen noch weiter aus, indem wir die Tagesaufgabe für Donnerstag bereits heute angehen und fahren zum Rummu quarry, einem ehemaligen Gefängnis, von dem Teile überflutet sind.


Die Besitzer des Geländes machen es uns schwer - einen hohen Zaun, der zu den Seiten mit Nato-Draht gesichert ist, gilt es zu überqueren, bevor wir an das Ziel kommen (später finden wir einen wesentlich einfacheren Zugang, aber hinterher ist man ja immer schlauer). Mehrere Drohnenflüge später sichern wir uns die Punkte für das RoadBook mit einem kurzen Bad im See. Dokumentiert wird das ganze durch eine Gruppe Deutscher, die wir erst für Rallye-Teilnehmer halten. Sie sind jedoch nur durch Zufall da und bleiben auch nicht die einzige Gruppe, die sich an diesem doch nicht so geheimen Ort trifft. Wenige Tage später werden zahlreiche Rallye-Teams hier stehen und keine Chance haben, die gleichen ungestörten Aufnahmen zu machen, die uns gelungen sind.
Zurück in Tallinn beziehen wir unser sorgfältig ausgesuchtes Domizil für die Nacht - ein Hostel mitten in der Stadt für sagenhafte 35 Euro für ein Doppelzimmer. Wichtig war uns auch das Vorhandensein eines Parkplatzes, damit wir unser Auto sicher unterstellen können. Diesen Anspruch erfüllt das Hostel laut Buchungsseite und in der Vorab-Mail frage ich nach der genauen Wegbeschreibung zur Parkfläche. Hier die Antwort:

Foto 26.06.18, 18 26 05.png

Das erst böse Omen sollte nicht das letzte gewesen sein. Nach Ankunft lernen wir die Managerin kennen, die vermutlich bereits seit den Zeiten hier arbeitet, als das Hostel noch ein Bordell war. Trotz regenbogenfarbenem Graffiti-Anstrich der Wände kann der lang gezogene Flur mit den in Nischen angeordneten Zimmern nicht darüber hinwegtäuschen, eine dubiose Vergangenheit gehabt zu haben. Eigentlich alles an der Unterkunft ist renovierungsbedürftig, inklusive der Managerin, die die eigene Fassade allerdings bereits einer Teilrenovierung unterzogen hat. Wir schätzen sie auf Ende 50, was wir nach oben korrigieren, als sie nach Erhalt unserer Personalausweise mehrfach anmerkt, wie jung wir doch seien.
Bei der Führung durch das Gebäude kommt mir mehrfach der Verdacht, dass der im Obergeschoss befindliche Escape Room hier seinen Anfang nimmt und wir wohl versehentlich eine Tour gebucht haben.

Den Parkplatz im Innhenof können wir übrigens nutzen - für einen Betrag, der dem eigentlich Preis für das Zimmer sehr nahe kommt. Die Rotlicht-Taktiken scheinen auch hier Anwendung zu finden.

 

Nach mehrfacher Versicherung, dass wir die Brandschutztür unseres Zimmers von innen verriegeln können und der Gewissheit, dass wir heute Nacht trotzdem versuchen werden, das Schlafverhalten von Delfinen an den Tag zu legen (lediglich eine Gehirnhälfte schläft, die andere ist auf Hab-acht) , verlassen wir das Hostel wieder. Wir werden noch kurz Zeuge eines Zwiegespräches zwischen der Managerin und einer jungen Frau, die wohl kein Geld für eine weitere Nacht hat und deswegen hochkant rausgeschmissen wird. Erneut fühlen wir uns in die Rotlicht-Ära zurückgeworfen.

Unser Weg führt uns ins Dubliners, einem der Irish Pubs in Tallinn, wo wir nicht nur auf hervorragendes Essen (auch ohne den Vergleich zu den Trekking-Mahlzeiten, von denen wir uns ab und an ernähren) stoßen, sondern auch auf Leif und Ralf von zwei anderen Teams. Leif stellt sich als Besitzer des „Eisenschweins“ heraus, einem Toyota, mit dem er bereits mehrfach Rallyes in der Wüste bestritten hat. Den Baltic Sea Circle bezeichnet er als „Kaffeefahrt“. Wir geben ihm ein Bier aus und lauschen seinen Erzählungen! Der Abend wird lang, die Unterhaltung mit Ralf und Leif witzig und es stellt sich heraus, dass wir mehrere gemeinsame Bekannte und Wohnorte haben. Die Welt ist klein, vor allem an der Ostsee…

Währenddessen in Russland:

Gefahrene Kilometer: 138
Reisezeit: 4 Stunden
Tatsächliche Abfahrtszeiten der Fähren der Viking Lines am ersten Fähranleger: 11.30 Uhr, 21:15 Uhr

Dennis Wilhelms