Tag 12 - Tallin bis Raudsilla - Wellness-Tag

12 Tage mit Wildcampen und nur sporadischem Duschen hinterlassen ihre Spuren, also ist für echte Männer Wellness angesagt: Nach mehrfachen Versuchen finden wir einen Barbier in Tallinn und lassen die Bärte wieder auf ein ansehnliches Maß stutzen (Sebastian ist an dieser Stelle sehr wichtig zu sagen, dass bei ihm nur der Oberlippenbart etwas gekürzt wurde. Alles andere käme Fremdgehen gleich…). Die weiblichen Barbiere (nicht oder nur rudimentär der englischen Sprache mächtig) lächeln entweder nur nach Feierabend oder am 27. Montag eines Schaltjahres, aber definitiv nicht heute! Das Ergebnis ist trotzdem mehr als akzeptabel…

Zeit für ein wenig Stadtbesichtigung und Mittagessen bleibt und erneut zeigt sich Tallinn von seiner besten Seite: das zentral gelegene Restaurant bietet herausragendes Essen und mehr: der junge Azubi Norbert hilft uns nicht nur zu neuem Brot für die Suppe, sondern - angesprochen auf die Rallye und unsere Tauschaktionen - reißt sich auch fast ein Bein aus, um das in unserem Besitz befindliche finnische Buch loszuwerden. Er selbst kann zwar nichts anbieten, schickt uns aber zu seinem früheren Arbeitgeber, einem mittelalterlichen Shop, bei dem er als Gildenmeister Bertholt Noobel (wir denken uns das nicht aus!) bekannt ist. Wir sollen seinen Mittelalter-Namen nennen, dann würde uns geholfen. Wir setzen den leicht mafiös klingenden Vorschlag um und in der Tat - das finnische Buch wechselt seinen Besitzer und wir sind um eine mittelalterliche Zwiebelmarmelade im selbstgetöpferten Gefäß (Wir denken uns das NICHT aus!) reicher.

Auf dem Weg sammeln wir noch Teile eines Teams aus Bremen mit ein. Deren Fahrzeug steht am Flughafen, weil der Fahrer gestern nach Deutschland flog, um heute seine Meisterprüfung (Bestanden! Glückwunsch) abzulegen. Nach erneuter Landung heute Nacht fährt er mit dem Auto zur Party-Location, zu der wir gerade unterwegs sind.

Es stellt sich als ein großes Konferenz-Gelände mit Campingplatz heraus. Zentraler Bestandteil ist das 20 Meter hohe Tipi mit großem Kamin und trichterförmigem Abzug in Tipi-Höhe. Daneben gibt es zwei Saunen, ein glückbringendes Baumstamm-Urinal und einen Fluss, der durch das Gelände mäandert und gleichzeitig Wasserspender für Badezuber und Sauna ist.

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Wir treffen Ilona und Titus wieder, mit denen wir Geschichten von Wildcampen in Russland und Bordell-Hostels in Estland austauschen, bevor es sich die eine Hälfte des Baltic Sea Circle vor den Zelten in der Sonne gemütlich macht und die andere Hälfte das Spiel Deutschland gegen Süd-Korea im großen Tipi verfolgt.
Wie sich herausstellt wurde nicht genug in das Baumstamm-Urinal gepinkelt. Oder verkehrt… oder von den falschen… wer weiß das schon…? Zumindest ist die langsam beginnende Party um ein Gesprächsthema und die Teilnehmer um einen Grund zum Trinken reicher. Den brauchen viele allerdings nicht: um 19 Uhr liegen die ersten wieder in oder in grober Näher von ihren Zelten und schlafen den ersten Rausch des Tages aus.

Auftakt macht eine estnische Folklore-Tanz-Gruppe aus einem umliegenden Dorf mit traditionellen Tänzen aus der Region. Fast 45 Minuten werden wir unterhalten durch die beeindruckende Darbietung, die mehr als nur leicht getrübt wird durch die Tatsache, dass zwei der angetrunkenen Rallye-Teilnehmer sich auf die Bühne dazugesellen und die Tänzer nachäffen. Die nehmen es mit Humor und revanchieren sich beim letzten Tanz, bei dem das Publikum mitmacht und greifen sich die beiden raus. Auch der wieder angereiste Moderator Maschine setzt noch einen drauf und kommentiert die mangelnde Koordination der beiden Idioten.

Weiter geht es mit Freibier und dem ebenfalls traditionellen estnischen Essen. Im Gegensatz zu den Lofoten verläuft sich Feier über den gesamten Platz, viele Gruppen zünden kleine Feuer an und auch und gerade die Saunen werden zum geselligen Trinken genutzt.

Viele Teams erreichen das Gelände erst spät, die Ausreise aus Russland dauert zum Teil mehr als vier Stunden. Die gesamte Rallye ist auf geschätzt 210 Teams zusammengeschrumpft.

Mehr als nur ein Wermutstropfen dieses Abends: nicht wenige Teilnehmer schlagen über die Stränge: am Ende der Feier wird Eigentum des Platzes mutwillig zerstört sein, die Entsorgung von Müll wird dem Veranstalter oder dem Zufall überlassen. Das Schlimmste ist aber das Verhalten gegenüber den Frauen der Rallye. Eine Teilnehmerin, die sich nackt in die Sauna setzt, wird mit machohaften Proleten-Sprüchen eingedeckt; zwei andere, die die Sauna im Bikini betreten, offen aufgefordert, dass sie sich nicht so zieren und das ausziehen sollen (wir wünschten, dass wir uns das nur ausdenken würden, aber die erste Begebenheit wird von zuverlässiger Quelle berichtet, bei der zweiten waren wir live dabei). Es ist klar, dass das vorpubertäre Verhalten von einzelnen (zum Teil Familienvätern) hier nicht auf alle Rallyeteilnehmer gestülpt werden kann, aber für uns trübt es die Stimmung heute sehr!

Nicht besser sind die Berichte von anderen Teams zu einzelnen Foto-Challenges. Eine davon besagt, ein Foto des Rallye-Fahrzeuges inkl. Team in Manier eines Plakates der Sendung Top Gar zu fertigen. Zwar schreibt der Veranstalter mit einem Augenzwinkern, dass die häufigen Explosionen im Hintergrund nicht notwendig seien (wir selbst fügen diese später per Photoshop hinzu), aber ein Team hat dies vermutlich als Anstacheln verstanden. Mit 40 Liter Diesel wurden Autoreifen für ein Foto angezündet…
Auch der entstehende Müll des heutigen Tages (Bier wird in Plastikbechern ausgeschenkt, das Geschirr ist ebenfalls aus Plastik) lässt uns ein wenig ratlos zurück, ob der gute Zweck der Rallye den massiven ökologischen Fußabdruck rechtfertigt, der hier hinterlassen wird. Zumal mindestens 20 Jahre alte Autos ohnehin nicht die saubersten Abgase hinter sich herziehen…

Der heutige Post endet somit negativ und steht in starkem Kontrast zur Party auf den Lofoten. Im Nachhinein sind bereits dort die gleichen Verdächtigen des heutigen Tages aufgefallen, die die Rallye als Flucht aus dem Alltag oder dem Umsetzen von Teenager-Party-Fantasien wahrnehmen. Anscheinend waren wir heute nur näher dran.

Es wird nicht nur aus diesen Gründen Zeit für den Heimweg, den wir nun unumkehrbar antreten müssen. Die Fahrtstrecken werden wieder deutlich länger werden und die Straßenverhältnisse in den kommenden Ländern versprechen nicht die besten zu werden.

P.S.: Um nach nochmaligem Durchlesen doch positiv zu enden: Nils, der Teil unserer „Tausche-Deinen-Beifahrer-Aktion“ an Tag 3 war, hat die Einreise nach Russland mit einem beschädigten Reisepass angetreten: eine Plastikabdeckung war vor Jahren gerissen und von einem chinesischen Zollbeamten mit Tesafilm repariert worden. Die russische Botschaft hat im Vorfeld in genau diesem Reisepass das Visum gestempelt, der dann an der Grenze nicht mehr akzeptiert und stattdessen ein Notfall-Visum beantragt wurde. Der Straftatbestand - wegen dem Nils erst erkennungsdienstlich behandelt und dann zu einer Strafe von umgerechnet 30 Euro verdonnert wurde - lautet: „Straftat gegen den russischen Staat“. Bei allen Problemen, die ihm das bei einer zukünftigen Einreise bringen wird - Nils ist unser Held des Tages!

Gefahrene Kilometer: 56
Reisezeit: 1,5 Stunden
Bußgeld für 20 km/h Geschwindigkeitsübertretung in Russland: 3 Euro

Dennis Wilhelms