Tag 16 - Usedom bis Hamburg - All good things come to an end

Dank steifer (und lauter) Ostseebrise dauert die Nachtruhe nicht lange. Am morgendlichen Frühstückstisch lernen wir unsere Zeltnachbarinnen Janis und Fran kennen, ein australisches Pärchen, welches die baltische Küste auf den Spuren von Janis’ Vorfahren in sechs Monaten mit dem Fahrrad bereist. Sechs Wochen haben sie bereits hinter sich, in deren Verlauf sie von Amsterdam bis Usedom geradelt sind.

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Der einzige Grund, warum wir unser Gespräch nach fast zwei Stunden beenden, ist die Tatsache, dass heute der Baltic Sea Circle endet und wir zwischen 16 und 17 Uhr in Hamburg sein müssen. Ansonsten hätten wir mit Janis und Fran noch mehrere Tage und Nächte durchquatschen und uns ihre (eigens angelegte und in meinen Augen nicht wenig angeberische) Entfernungsvergleichskarte von Australien zu Europa ansehen können. Nicht zu vergessen die leicht spöttische Häme, mit der Janis unsere Trekkingmahlzeiten kommentiert.

Hier werden wir sogar in ihrem Blog erwähnt (der nebenbei absolut lesenswert ist).

Dann aber reißen wir uns doch los und machen uns auf den Weg nach Hamburg - zum ersten mal seit zwei Wochen wieder auf Autobahnen. Diese nutzen wir aber wie gewohnt: Hinter Titus’ T3 mit etwa 97 km/h Höchstgeschwindigkeit herfahrend!

Die Fahrt ist unspektakulär, lediglich ein abgesacktes Stück der A20 (von deren Zustand wir aber bereits wussten und entsprechend eingeplant hatten) zwingt uns zu einem Umweg, der später einige Teams nur knapp das Ziel erreichen lassen wird. Ebenfalls zum ersten mal seit Wochen: Stau!

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In Hamburg kommen wir mit 30 Minuten Vorlauf an und tanken noch in Ruhe das Auto, während neben uns ein Team noch Punkte für das Roadbook sammeln will: jeder Reifen des Fahrzeugs wird auf 10 cm hoch gestapelte Legoblöcke gestellt und fotografiert. Zusammen mit dem autoziehenden Pferdebild werden das Punkte sein, die wir nicht mitgenommen haben.

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Vor dem alten Elbtunnel treffen wir uns mit den Hamburg Blue Angels, dem Cheerleading-Team der Footballmanschaft Hamburg Blue Devils, die während unseres Lithauen-Aufenthaltes auf meine Anfrage geantwortet und zugesagt haben, Fürst Rostfrei würdig ins Ziel zu bringen. Mit Pom-Poms und Hebefiguren sollten wir vielleicht sogar die Punkte für die beste Zieleinfahrt erhalten. Zumindest sind uns die teils neidischen (andere Teams), teils begeisterten (Rennleitung und übrige Zuschauer) Blicke sicher, als Alina und ihr fünfköpfiges Team die Stimmung ordentlich anheizen! Fürst Rostfrei bekommt noch den „Split“ - die neueste Hebefigur des Teams - exklusiv vor der Finish Line präsentiert, danach reihen auch wir uns wieder in die Fahrzeugaufstellung ein, während es uns langsam dämmert:

Es ist vorbei!

Wir haben 7768 Kilometer Gesamtstrecke in unser RoadBook eingetragen (locker geschlagen von den über 10.000 km des späteren Gewinnerteams). 16 Tage Autofahren und 9 Länder liegen jetzt hinter uns und es wird noch viele Tage bis Wochen dauern, bis wir das Erlebte richtig verarbeitet haben. Bereits jetzt verschwimmen einzelne Tage, Strecken und Begegnungen und müssen anhand unserer Bilder und Notizen wieder den jeweiligen Etappen zugeordnet werden. Viele Gespräche wurden geführt, Freundschaften geschlossen, von denen wir jetzt schon wissen, dass wir sie auch über große Distanzen fortführen werden. Manche Orte und Momente sind ins Gedächtnis eingebrannt und werden für immer mit dem BSC verbunden sein (was aber definitiv nicht dazugehört: der Geruch von Surströmming!)

All dies sind Dinge, die jedem Rallyeteilnehmer klar werden, als wir händeschüttelnd und umarmend durch die Reihen der Fahrzeuge schreiten. Einige Teams haben sich bereits am Vortag verabschiedet - berufsbedingt oder um die kürzeste Verbindung nach Hause zu wählen. Aber es wären ohnehin nicht alle angekommen: 25 km vor Hamburg blieb ein T4 mit finalem Motorschaden liegen, was einen Teil der Crew aber nicht davon abhielt, mit umgebundenem Kennzeichen, Ersatzrad und Startnummer ins Ziel zu laufen. Stilecht mit zwei Sektflaschen, deren Inhalt schüttelnd verteilt wird. Ein anderes „Team“ kam zwar an, wurde von Moderator Maschine aber geflissentlich ignoriert, da es disqualifiziert wurde. Grund: Start und Ziel wurden zwar mit einem 20 Jahre alten Fahrzeug bestritten, die eigentliche Tour aber mit einem Wohnmobil, die explizit aus den Regeln ausgenommen sind. Aufgrund der Nutzung gleicher Campingplätze mit dem Rest der Rallye ist dies rausgekommen.

Am Ende formt sich zur Siegerehrung ein letztes ein Halbkreis vor Maschine. Zunächst werden die Sonderkategorien erwähnt: längste gefahrene Strecke, Instagram-Challenge des Sponsors Ratsherren, die meisten Nächte Wildcampen, aber auch die Kategorie, in der die Espressonisten punkten können: das beste Mitbringsel im Tausch gegen eine Büroklammer! Unser Gemälde hat es also auf die Bühne geschafft und wir sind einmal mehr dankbar für die Offenheit der Menschen, mit denen wir unsere Handel durchgeführt haben. Vielleicht auch dankbar für die entnervte Resignation, die wir mit unserem Anliegen hervorgerufen haben. Was auch immer es war, wir freuen uns darüber…
Hier also noch einmal der Werdegang unserer Büroklammer und die jeweiligen Tauschobjekte zusammengefasst:

Start der Rallye: blaue Büroklammer
Deutschland: blaues Plastik-Feuerzeug
Dänemark: Chip für Einkaufswagen
Schweden: goldene (Cocktail)-Palme
Norwegen: selbstgestrickte Puppenhandschuhe
Finnland: ein Taschenbuch (dessen Handlung nach wie vor ein Rätsel ist)
Estland: Zwiebel-Marmelade im Tongefäß
Lettland: das Gewinner-Kunstgemälde

Für den Gesamtsieg reichte es freilich nicht: mit unseren knapp 480 Punkten kommen wir bei weitem nicht an die 750+ Punkte der drei Gewinner heran, aber das war auch nie unser Anliegen.

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Maschine möchte ein weiteres Gruppenbild mit allen Teilnehmern und verabschiedet dann den Baltic Sea Circle 2018. Keine 10 Minuten später ist die Finish Line bereits nicht mehr zu sehen und der Fischmarkt nimmt wieder sein normales Aussehen an. Die Erinnerung an das Geschehene bleibt in unseren Köpfen und auf digitalen Speichermedien.

Ein letzter Abschied von Ilona, Titus, Alex, Christina, Janka, Nils, Antje, Max, Moritz und der Wunsch, all diese Menschen bald wiederzusehen.
Letztlich sogar ein Abschied der Espressonisten untereinander, denn Sebastian wird noch einige Tage in Hamburg bleiben, während ich mich morgen ein weiteres mal mehrere Hundert Kilometer im Auto befinde, um nach Hause zu kommen.

Abends heißt es noch Sushi mit Freunden und nach 16 Tagen zum ersten Mal deutlich spürbar: die Anspannung, die mit Erreichen des Zieles schlagartig abfällt!
Und das sichere Wissen: morgen muss nur noch ein mal das Auto bepackt und eine lange Strecke zurückgelegt werden.

Wir werden es vermissen!

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gefahrene Kilometer: 386
Fahrtzeit: 5 Stunden

stay tuned - Die Espressonisten will be back!

 

Dennis Wilhelms